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„Aber ich lern auch was dabei“

Sind studentische Hilfskräfte rechtlos glücklich?

von Anne Evers

Mit dem Argument, die Tätigkeit als studentische Hilfskraft diene der Weiterbildung, rechtfertigen Universitäten in ganz Deutschland prekäre Arbeitsverhältnisse für studentische Hilfskräfte- inklusive schlechter Bezahlung und befristeten Verträgen. Selbst eine Vertretung in den Personalräten gibt es praktisch nicht.
Ist den studentischen Hilfskräften ihre prekäre Arbeitslage egal oder einfach nicht bewusst?

Eine Anstellung als studentische Hilfskraft scheint auf den ersten Blick viele Vorteile zu haben- man lernt, wissenschaftlich zu arbeiten, man blickt hinter die Kulissen, man lernt den Professor oder die Professorin persönlich kennen und für all diese Erfahrungen bekommt man auch noch Geld- da kann man schnell vergessen, wie prekär die Arbeitsbedingungen sind.

Im Wintersemester 2009/2010 waren allein an der Universität Bremen 2380 Hilfskräfte beschäftigt. Allerdings ändert sich diese Zahl in jedem Semester, da etwa die Hälfte aller studentischen Hilfskräfte in Deutschland, vor allem im Bereich der Naturwissenschaften, für höchstens vier Monate eingestellt wird. Dabei arbeiten 35% von ihnen 20 Stunden im Monat und weniger, wenn man von den bezahlten Stunden ausgeht. Der tatsächliche Arbeitsaufwand liegt allerdings meist deutlich höher, das fand Ada-Charlotte Regelmann in einer Studie zur Lage der studentischen Hilfskräfte in Marburg heraus.

Die Bezahlung variiert dabei zwischen den Bundesländern und teilweise sogar zwischen den Universitäten, denn kein Bundesland, abgesehen von Berlin, sieht einen Mindestlohn für studentische Hilfskräfte vor. Was allerdings vorgesehen ist, sind Höchstsätze für die Bezahlung, damit die Universitäten nicht untereinander um Hilfskräfte konkurrieren. In Bremen liegt der Stundenlohn ab dem 2012 bei 8,50€. Übrigens wird dieser Lohn erst in der Mitte des übernächsten Monats überwiesen, eine Eigenart Bremens. Früher betrug der Lohn der Hilfskräfte in Bremen zwar nur 8,02€, doch die Erhöhung im Jahr 2009 auf 8,45€ war die erste seit zehn Jahren.
So etwas kann in Berlin nicht passieren. Die dortigen Hilfskräfte haben einen Tarifvertrag erstritten. Sie bekommen einen Stundenlohn von 10.98€, haben eine eigene Personalratsvertretung, 31 Tage Urlaub im Jahr und ein Recht auf 40 Arbeitsstunden im Monat. In Bremen hingegen wurden die Hilfskräfte der Universitäten aus den letzten Tarifverhandlungen explizit ausgeschlossen.

Wenig Stunden, kurze Verträge, geringe Löhne und die kommen auch noch zwei Monate zu spät- Keine Situation für Studenten, die auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen sind.

Auch die Auswahl der studentischen Hilfskräfte hat nicht viel mit Gerechtigkeit zu tun. Meistens werden sie direkt von Professoren angesprochen, oder hören durch Mundpropaganda von einer offenen Stelle. In den seltensten Fällen werden Stellen offen ausgeschrieben. Zusammengenommen bedeutet dies, dass eine Stelle als studentische Hilfskraft stark von der sozialen Herkunft abhängig ist, gerade einmal 4% der Hilfskräfte stammen aus Arbeiterfamilien. Auch Ada-Charlotte Regelmann diagnostiziert in ihrer Studie: Man muss es sich leisten können.

Leider können die Probleme selten angesprochen werden, denn die kurzen Verträge machen aktives mitarbeiten in Personalräten fast unmöglich, einigen Bundesländern schließen eine Vertretung der Hilfskräfte in den Personalräten sogar von vorne herein aus. In Bremen ist außerdem jeder Fachbereich selbst für die Hilfskräfte zuständig und nicht etwa die Personalabteilung.

Trotzdem scheinen die studentischen Hilfskräfte zufrieden mit ihrer Situation. Sie sehen ihre Arbeit als frühstmöglichen Einstieg in eine akademische Laufbahn, als Vorbereitung auf eine spätere Promotion, als Hilfe beim Studium durch den persönlichen Kontakt mit den Professoren und Professorinnen. Viele sehen ihre Stelle als Teil des Studiums und nicht als Erwerbsarbeit. „Ich mache das erstmal natürlich um Geld zu verdienen. Aber ich habe dann auch bessere Aussichten im Job und nehme Grundlagen fürs Studium mit“, sagt eine Hilfskraft auf die Frage nach seinen Beweggründen für den Job. In Erwartung zukünftiger Vorteile werden die akuten Probleme außer acht gelassen.

Schneikert und Lenger von der Universität Freiburg gehen in in ihrem Artikel „studentische Hilfskräfte im deutschen Bildungswesen“ sogar davon aus, dass die frühe Form von prekärer Beschäftigung von qualifizierten Arbeitnehmern den Effekt hat, die Erwartungshaltung abzusenken und die Studenten, die ein Interesse an der Forschung zeigen, gleich zu Beginn ihrer Laufbahn an Arbeitsbedingungen zu gewöhnen, die befristet und unterbezahlt sind und oft nicht der eigenen Qualifikation entsprechen.

Natürlich ist es schwer, für seine Rechte einzutreten, wenn der Arbeitgeber auch gleichzeitig der Prüfer ist. Noch schwerer ist es allerdings, wenn man seine Rechte gar nicht kennt. Viele prekär Beschäftigte, so auch studentische Hilfskräfte, sind schlecht oder gar nicht über Sozialleistungen, allgemeine Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitsrecht informiert.

Deshalb wird die GEW im November eine Veranstaltung an der Universität Bremen zum Thema Hilfskräfte anbieten. Dort bekommen die Hilfskräfte alle Informationen zum Thema Arbeitsrecht und können sich über die jeweilige Praxis in ihrem Fachbereich austauschen, damit sie die Chance bekommen, sich zu vernetzen um gemeinsam für Verbesserung der Arbeitsbedingungen einzutreten.




Bremen, den 23.01.2012






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